Andreas S. Hennig

Der Fenstersturz

Eigentlich hat die folgende Geschichte nichts mit Schildkröten zu tun. Um sie aber dennoch als themenverwandt erscheinen zu lassen, beginnt sie mit:

Nach einem anstrengendem Arbeitstag im August des Jahres 2000 widmete ich mich meinen Wasserschildkröten und machte die „Futterunde“ – ich versorgte sie mit wehrhaften Grillen, springenden Heuschrecken (Mist, wieder eine hinter´m Schrank gelandet...) und ließ mich von besonders liebevollen Pfleglingen zärtlich die Finger abnagen. Am frühen Abend rief mich ein guter Freund an (nehmen wir einmal an, er heißt Mirko [Ähnlichkeiten rein zufällig]) und stiftete mich zum Diskothekenbesuch in Leipzigs schöner Innenstadt an. Bei meiner Zusage ahnte ich noch nicht, welch´ lange und ereignisreiche Nacht mir bevorstand.

Wir verabredeten uns für 21.00 Uhr und gingen zunächst zur Einstimmung auf eine der innerstädtischen Kneipenmeilen. Da ich mit dem Auto kam, waren die flüssigen Rollen schon klar verteilt: Mirko konnte nach Herzenslust trinken, wovon er auch regen Gebrauch machte, und ich konzentrierte mich auf Ersatzflüssigkeiten, deren optische Reize nur in verschiedenen Farben lagen. Aber wenigstens konnte man in Ruhe die vorbeilaufenden Menschen beobachten, wobei unser Interesse natürlich bei den Damen lag. Dabei konnte man bequem trinken – wenn einem nicht dauernd beim Vorüberlaufen einer attraktiven Frau die Zunge auf den Tisch fallen würde... Zwei Stunden später brachen wir auf und verschwanden im Untergrund (keine Angst, das ist nicht politisch, sondern baulich gemeint). Nachdem wir den Eintrittsobolus berappten (in diesem Moment wollte ich eine Frau sein, denn als solche hätte ich kostenlos eintreten können) und der erste Zehner fort war, stürzten wir lechzend an die Theke, als hätten wir wochenlang nichts getrunken; dabei konnte rein physikalisch der letzte Schluck noch nicht einmal den Magen erreicht haben. Es war irgendwann nach Mitternacht, die Musik war gut, aber laut (mein Trommelfell hüpfte auch schon erregt mit, ob es wollte oder nicht) und Mirko war verschwunden. Ich blickte in die Runde und erkannte am anderen Ende der Theke einen mit seiner Haltung kämpfenden Mann, der eine Blondine anbaggerte. Eigentlich hatte ich seinen Geschmack als besser eingestuft, denn es handelte sich um eine kleine zierliche Dame, die die halbe Woche damit verbracht haben musste, sich zu stylen und dem Ganzen mit fünf Litern Schminke und Lack Halt geben musste. Ein klitzekleines Kleid mit breitem Gürtel (anders kann ich den Minirock nicht beschreiben) fand am unteren Ende seine Ergänzung in Schuhen mit 2-Meter-Absätzen, die große Ähnlichkeit mit einer Kinder-Pershing hatten. Das Schlimmste war ja, dass sie eine Freundin dabei hatte, die genauso aussah, nur schwarzhaarig... Ich dachte nur `Hoffentlich lassen sie ihn abblitzen.` und vertraute auf die nicht geringe Alkoholwirkung von Mirkos verschlungenen zehn Bieren. Beim nächsten Blick in die krisengefährliche Richtung traute ich meinen Augen kaum – Mirko gab mir eindeutige Zeichen, ich solle zu ihm kommen! Oh´ Graus! Ich machte frohe Miene zum peinlichen Spiel. Wir schwatzten (na gut, bei der Musik-Beschallung war es eher ein Von-Ohr-zu-Ohr-Schreien) und tanzten auch, bis sie mal für „kleine Hochhackige“ mussten. Mein Flehen war erhört worden! Wir verzogen uns in die Menge auf der Tanzfläche und entschlossen uns nach einer Weile, es war inzwischen nach 4.00 Uhr, zu gehen.

Während man mein Gehen auch als solches bezeichnen konnte, da ich keinen Tropfen Alkohol im Leibe hatte, zog es Mirko vor, die hindernisfreien und flachen Straßen im Zickzack zu bewältigen. Wie breit doch eine Straße sein kann. Erstaunlich war, dass er die Beifahrertür an meinem Auto auf Anhieb fand. Ich fuhr los und setzte ihn an seiner Haustür ab. Ich wendete und fuhr in Richtung Heimat. In meiner Straße angekommen, parkte ich ein und – entdeckte Mirkos Wohnungsschlüssel auf dem Beifahrersitz! Ich fluchte, was das Zeug hielt und startete den Wagen, um wieder zu ihm zu fahren. Ich hoffte nur inbrünstig, dass er vor seiner Wohnung auf mich und den Schlüssel wartete. Also los und wieder quer von Nord nach Süd durch die Stadt. Bei ihm angekommen, war natürlich kein Mirko da, aber die Haustür war offen und ich konnte zum Hintergebäude. Seine Wohnung befand sich dort im ersten Stock. Das Fenster zum Wohnzimmer war weit geöffnet und ich spürte Erleichterung. Ich klingelte – keine Reaktion. Ich klingelte nochmal – wieder nichts. Parallel nutzte ich mein Handy und wählte seine Rufnummer – auch nichts. In der Zwischenzeit überlegte ich, dass er doch eigentlich vom Dach des vor seinem Fenster befindlichen Flachbaus in die Wohnung hätte klettern können. Später sollte ich noch erfahren, dass er dies tatsächlich auch versuchte – mit fatalen Folgen... Was ich auch veranstaltete, von ihm gab es kein Lebenszeichen, nicht einmal einen kleinen Rülpser. Ich ging wieder auf die Straße und wartete noch eine Weile. Ein blaulichtiges Polizeiauto raste vorbei – sollte er...? Eher nicht. Länger wollte ich nicht warten und lenkte mein Fahrzeug wieder nach Hause. Daheim angekommen, erblickte ich meinen blinkenden Anrufbeantworter. Ich drückte auf „Abhören“ und hörte Mirkos Stimme – aber nur im Hintergrund! Ich hatte die Nase voll und schlich in mein Schlafgemach. Geschafft landete ich im Bett; es war mittlerweile 5.30 Uhr. Keine halbe Stunde später klingelte das Telefon, dessen Schnurlos-Teil ich sicherheitshalber mit ins Bett genommen hatte. Am anderen Ende der Leitung war doch tatsächlich Mirko... Seine Stimme strahlte eine gewisse Erschöpftheit aus, wie sie wohl nur die Teilnehmer der Völkerschlacht bei Leipzig im Jahre 1813 wiedergeben können. Ich überlegte kurz, ob es vielleicht doch Napoleon war, der mir berichten wollte, dass er die entscheidende Schlacht in meiner Heimatstadt verloren hatte – aber erstens wusste ich das schon und zweitens war er ja schon tot und als solcher sicherlich nicht mehr des Sprachausdruckes mächtig... Im Halbschlaf hörte ich nur wirre Worte aus Mirkos Munde wie „Schlüsseldienst“, „Taxi“, „war bei Dir“ usw. Wir einigten uns, dass ich am späten Vormittag zu ihm komme und er mir schildert, was noch alles in dieser Nacht passierte.

Was in aller Welt war geschehen? - Das möchte ich jedoch erst bei einem der nächsten Updates berichten – Fortsetzung  folgt!

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