Andreas S. Hennig

Amazonas

Es war heiß. Brütend heiß. Aber nur noch wenige Schritte, und mich umschloss die angenehm klimatisierte Empfangshalle des Hotels. Ich bin in Manaus, ehemalige Kautschukmetropole im grünen Herzen Brasiliens, direkt am Amazonas. Nach stundenlangen Flügen und ebenso langen Wartezeiten auf diversen Flughäfen hatte ich die Atlantikküste bei Salvador hinter mich gelassen, um auf Entdeckungsreise in den Regenwald zu gehen. Nach einem ausgiebigen Abendessen an der Strandpromenade, wo eine Bar an der nächsten klebt und riesige Fernsehbildschirme mit den flimmernden Dailysoups (Folge 1137) die dröhnende Musik aus diversen Mega-Hifi-Anlagen liebevoll begleiten, entschloss ich mich, zeitig das Bett aufzusuchen. Schließlich wollte ich am nächsten Morgen mein Quartier in den lang ersehnten Regenwald verlegen. Das Einzige, was mich am Schlafen hinderte, waren die Anrufe einer ausschließlich portugiesisch sprechenden Dame, die partout nicht verstehen wollte, dass ich sie nicht verstehen konnte. Am zeitigen Morgen kroch ich aus den Federn und – das Telefon klingelte. Leicht gestresst und mit gemischten Gefühlen nahm ich den Hörer in die Hand, ans Ohr und lauschte. In Erwartung einiger unverständliche Sätze (Kann denn hier niemand Englisch oder wenigstens Russisch...?), war ich denn doch etwas überrascht: Im tiefsten bayerischen Dialekt knarrte eine Stimme „Ja Servus, i bin der Rolf. I bin für die nächsten Tage der Guide!“

Ein Kleinbus samt Fahrer und Guide brachte mich zum Hafen. Hier schaukelten wir über eine wackelige Planke auf unser Schiff und verließen Manaus. Der kleine Dampfer keuchte sich die Seele aus dem Leib, aber dadurch wurde er auch nicht schneller. Mit sagenhaften 20 km/h schipperte ich über fünf Stunden den Amazonas entlang, neidisch auf die schnelleren Boote blickend. Mein Sitzfleisch bekam schon hornhäutige Gesichtszüge, als ich endlich die Dschungel-Lodge entdeckten. Das Schiff hatte zwar diverse Erfrischungsgetränke im Angebot, aber kein „Örtchen“, wo man sie wieder los wurde. So entstand ein natürlicher Druck in meinem Organismus, der nach einer Toilette schrie. Erwartungsvoll und leicht verkrampft nahm ich den Schlüssel für meinen Bungalow in Empfang. Die kleinen Holzhütten befanden sich mitten im Wald und das Tageslicht hatte Mühe, sich bis zu ihnen hindurch zu kämpfen. Im schwachen Schein des Lichts rannte ich in die kleine Badekammer und erblickte mühevoll den Ort meiner Wünsche. Sichtlich erleichtert, entdeckte ich im Halbdunkel etwas kleines Schwarzes. Ich vermutete ein rostiges Zubehörteil im Sanitärbecken und betätigte nichtsahnend die Spülung. Plötzlich sprang mir etwas zunächst Undefinierbares im großen Bogen entgegen. Der – wenn auch kurze – Schreck fuhr mir in sämtliche Glieder. Aus dem rostigen Etwas formte sich ein Frosch, der von mir an seinem Ruheplatz im Toilettenbecken gestört wurde. Nach diesem kleinen Zwischenfall wurde die Taschenlampe zum treuen Begleiter beim Gang ins Bad. Weniger der Frösche wegen, als vielmehr wegen der Möglichkeit, (giftigen) Schlangenbesuch zu bekommen. Entdeckte ich doch, dass das Abflussrohr unter dem Bungalow nicht nur geringe Verschleißerscheinungen hatte und mit diversen Löchern „glänzte“. An das Dutzend Frösche, das das gesamte Bad bevölkerte und mir beim Zähneputzen über die Schulter schaute, gewöhnte ich mich problemlos und schnell.

Die Gaze an den Fenstern des Schlafraumes muss auch schon kurz nach der Entwicklung der Kunststoffe eingebaut worden sein. Die riesigen Löcher waren notdürftig mit zerknülltem Zeitungspapier verstopft. Trotzdem präsentierte sich eine Gottesanbeterin auf der Innenseite. Nach dem Lebendtransport ins Freie ging es auch schon zur ersten Tour durch die verschlungenen Nebenarme des Rio Negro. Die Nacht bricht hier zeitig hernieder und der geneigte Tourist hat in der Dschungel-Lodge die Möglichkeit, von einigen LKW-Batterien Strom zu zapfen – sofern sie überhaupt geladen waren. Die schwache Helligkeit einer vergilbten Neonröhre ließ mich das Notwendigste im Bungalow erkennen. Sicherheitshalber schloss ich die Fensterläden, damit sich die Mücken nicht am Licht orientieren und blutlüstern über mich herfallen konnten. Nachts ist es wiederum zweckmäßig, die hölzernen Fensterläden für eine bessere Durchlüftung der stehenden tropischen Luft offen zu halten. Tiefe Finsternis umschloss mich, als ich den Lichtschalter von einer Position in die andere bewegte. Ich tastete mich zu den Fenstern und vernahm ein leises Knirschen. Aha – so fühlt sich also eine zertretene Kakerlake an. Hatte das kräftig gebaute Tier doch schon so zeitig das Bad wieder verlassen! Nach einigen Blessuren an diversen Möbelteilen landete ich geschafft im Bett, das von dem etwas kränkelnden Palmwedeldach schon eifrig mit kleinen schwarzen Krümeln beworfen wurde.

Der nächste Morgen begann mit dem 6.00-Uhr-Aufstieg auf den Wasserturm der Lodge. Ein umfangreiches Holzgestell versuchte, den großen Wassertank zu halten, über dem sich eine Aussichtsplattform befand. Letztere wollte ich erklimmen, um den weiten Ausblick über die Wälder zu genießen. Den ersten Termitenstaat entdeckte ich in fünf Metern Höhe. Die kleinen Holzfresser leisteten ganze Arbeit. Das zweite Nest folgte in etwa zehn Metern. Auch hier knabberten sie schon in der Frühschicht. Oben angekommen, erfreute ich mich an dem herrlichen An- und Ausblick. Davon ließ ich mich auch nicht abhalten, als mir ein neugieriger Papagei herzlich, aber kräftig, seinen Hakenschnabel in den Arm schlug. An diesem Tag ging es wieder mit dem Kanu in verschiedene Überflutungsbereiche der Flüsse. Zeitweise wurde es für die Bootsbesatzung sehr eng, und man war bemüht, mit dem Kopf keinen Ast oder gar Baumstamm zu rammen (Es war Wasserhöchststand, also fuhren wir in den Baumkronen!). Trotz aller Bemühungen ritzten wir mit der Bootskante ein großes, am Baumstamm klebendes Ameisennest auf. Der Indianertanz war perfekt! Die Ameisen waren recht beißlustig und malträtierten uns nach Kräften...

Ziel dieses Tages war ein einheimisches Dorf, dessen farblose Holzhütten schon von weitem sichtbar waren und der Stromgenerator dieselfressend überdeutlich röhrte. Wir kamen gerade rechtzeitig zum WM-Fußballspiel Brasilien gegen Holland, das vom halben Dorf am Farbfernseher mit großem Stimmungsgejohle und Feuerwerk begleitet wurde. Wie jeder Brasilianer waren auch der Guide und der Bootsführer vom Fußballfieber besessen und es blieb mir nichts anderes übrig, als das Spiel zu verfolgen, und das mitten im tiefsten Regenwald. Ehe mir die freundlichen Einwohner einen Sitzplatz anboten, lehnte ich mich unangenehmerweise an das frisch gestrichene und schwarz glänzende Holzgeländer... So bekam meine Haut wenigstens einen farbigen Charakter, wenngleich ich dachte, dass dies eigentlich die tropische Sonne erledigen sollte. Selbige freute sich aber auch über das von den Brasilianern gewonnene Fußballspiel und strahlte mit ganzer Kraft. Es war heiß, brütend heiß am Amazonas.

Hennig, A. S. (2000): Amazonas. - Reptilia, 5 (3): 9-10

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